Bielefeld liegt wieder an der Lutter

Begeisterung über Freilegung

Nur zwei Jahre, nachdem der Bielefelder Rat zugestimmt hatte, die Lutter zumindest in der Grünanlage am Gymnasium Am Waldhof wieder freizulegen, wurde der Bachlauf am 9. Oktober offiziell eingeweiht. Der Verein »Pro Lutter«, der sich vor ebenfalls zwei Jahren gegründet hatte, hat es geschafft, den ersten Frei-legungsschritt ohne kommunale Mittel zu realisieren.
Der kleine Wasserlauf wird von Bielefelds Bürgern einhellig gelobt. »Endlich haben wir auch wieder einen Fluss.«
Dabei belegt eine Postkarte aus dem späten 19. Jahrhundert, dass Bielefeld Anno dazumal »das westfälische Venedig« genannt wurde. Allerdings: Um 1885 gab es bereits Anwohner-Initiativen, die auf eine Überwölbung des Bachbettes drängten: »Man kann sich leicht davon überzeugen, dass der Bach faule Abgänge bzw. einen stinkenden Schlamm enthält, der auf die Umgebung einen gesundheitsnachteiligen Einfluss ausübt.« Die Arbeiten zur Überwölbung der Lutter begannen, andere Anwohner forderten die Abdeckung des Stadtgrabens und noch


Bielefeld liegt wieder an der Lutter: »Wasser marsch« hieß es am 9. Oktober im Grünzug Am Waldhof.

vor dem Ersten Weltkrieg verschwand die Lutter auch aus den »Neubaugebieten« an der Ravensberger Straße.
Dass Bielefeld (wieder) an der Lutter liegt, ist eigentlich die Folge einer ungeklärten Erbfolgefrage. Mitte des 15. Jahrhunderts willigte Herzog Gerhard II. ein, einen Teil der Lutterquellen nach Bielefeld umzuleiten, damit die Bürger dort dem Erzbischof von Köln huldigten.
Die Geschichte ist kompliziert. Die Bielefelder, denen es schon damals an Wasser mangelte, bekamen aber ihre Lutter - zum Verdruss des Klosters Marienfeld, das sich über den »Wasserraub« beklagte. Um das Lutterwasser überhaupt nutzen zu können, musste man einige technische Kunstgriffe anwenden, um die Wasserscheide, den Bielefelder Pass, mit natürlichem Gefalle überwinden zu können. Wasser gab es damals, so berichten die Chroniken, wohl reichlich.
Eigentlich verweist der Name »Lutter« auf besonders klares und reines Wasser (althochdeutsch. »Hluttar« wie »lauter«). Vor hundert Jahren aber wurde sie durch Abwässer aus Sickergruben, Waschplätzen, Gerbereien, Bleichen, Schlachtereien und Fabriken verschmutzt - und zum stinkenden Rinnsal, das unter die Erde verbannt wurde.
Die Initiative »Pro Lutter« will es bei der Offenlegung des ersten kleinen Teilstückes nicht belassen. Wohl planerisch am unkompliziertesten zu realisieren wäre eine oberirdisch fließende Lutter im Grünzug zwischen Finanzamt und Helmholtz-Gymnasium. Pläne dafür würden bereits erarbeitet, finanzieren lasse sich dieses Projekt aber nicht mehr ausschließlich aus Sponsoren-mitteln, so der Verein. Da hofft man dann doch auf Zuschüsse aus Töpfen des Landes.


Die Computeranimation lässt erahnen, wie es aussehen würde, wenn die Lutter auch im Grünzug zwischen Helmholtz-Gymnasium und Finanzamt an die Oberfläche geholt würde.

Bielefeld GESTERN-HEUTE-MORGEN vom 27.10.2004 als Einlage im SÜDKurier

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