Idyllisch: So stellt sich der Verein pro Lutter den Bach im Grünzug Ravensberger Straße vor. Wenn der Kanal (links in der Straße) in den Untergrund des Parks käme, würde sich das Projekt so verzögern, dass die Fördermittel verfallen. FOTO: BÜRO SÖNNICHSEN

Lutter-Projekt gefährdet

Neuer Kanal unter geplantem Bachlauf: Verein müsste Fördermittel zurückzahlen

VON FRANK BELL

• Bielefeld. Der Verein Pro Lutter ist schockiert. Er sieht den offenen Bach in der Grünanlage am Helm- holtzgymnasium in Gefahr. Grund: Der alte Lutter- kanal in der Ravens- berger Straße ist total marode und muss saniert werden. Mitarbeiter des Umweltbetriebs überlegen sogar, den Kanal neu im Park zwischen Teutobur- ger Straße und Stauteich I verlegen zu lassen. Doch dort muss der Verein noch dieses Jahr mit der Freilegung beginnen, denn das ist Bedingung für die Förderung durch das Land und Stiftungen.

Umweltdezernentin Anja Rit- schel erklärt: „Grade weil die Lutter nach oben verlegt werden soll, haben wir uns den Kanal genauer ange- sehen, und da nahm das Schicksal seinen Lauf. Wir wollen das Problem aber systematisch angehen.“ Zu- mindest zwischen Am Bach und Teutoburger Straße gebe

es erheblichen Erneuerungs- bedarf, wie die Unter- suchungen bislang gezeigt haben. „Auf die Ergebnisse aus dem Abschnitt Teuto- burger Straße – Stauteich warten wir noch. “Doch weil der Gesamtkanal um 1899 gebaut wurde, rechnen Fachleute mit einer gleich großen Sanierungsbedürftig- keit und Kosten in zwei- stelliger Millionenhöhe. Sollte der Kanal in der Grünanlage verbuddelt werden, werde sich, so die Beteiligten, das 2,2 Millionen Euro teure Projekt offene Lutter mindestens verzögern: „Die offene Lutter ist ein Geschenk an diese Stadt. Der Landeszuschuss von 80 Pro-
zent wie auch die För- derungen von Bundesum- weltstiftung und Allianz-Stiftung stehen“, sagt Pro-Lutter-Vorstands- und SPD Ratsmitglied Gerd Kranzmann. „Doch die Stif- tungen haben das Geld nicht in der Tiefkühltruhe.“ Er bezweifelt, dass bei einer Verzögerung bis ins Jahr 2013 durch die Kanalbau- planung dann überhaupt noch
Geld aufzutreiben sei und befürchtet das Aus für das Ziel des Vereins: „Wir wer- den dann die Gelder zurückgeben müssen“. Rit- schel betont: „Die Stadt hat ein hohes Interesse daran, dassdas Projekt umgesetzt wird. Das ist eine tolle Sache, und wir werden alles daran setzen. “Sie sehe, dass der Verein wegen der Förder- zusagen zeitlich gebunden sei. „Wir wollen mit ihm gemeinsam überlegen, wie beide Vorhaben in Einklang zu bringen sind.“ Ritschel erklärte, es sei preisgüns- tiger, einen Kanal in der Straße liegen zu lassen und zu reparieren, als nebenan neu zu bauen. Das scheinen städtische Mitarbeiter anders zu sehen, die einen neuen Kanal unbedingt in der Grünanlage wollen. Die Umweltdezernentin sagte, es werde derzeit geprüft, wie der Kanal wieder instand gesetzt werden könne, durch abschnittweisen Neubau oder Sanierung von innen. Dazu hole ihr Dezernat auch externen Sachverstand ein. Sie gestand zu, dass Um- weltamt und Umweltbetrieb bisher den verrohrten Gewässern in der Stadt, wie die Lutter eines ist, nicht so viel Aufmerksamkeit ge- schenkt haben. Wie das Wasser der offenen Lutter an der Teutoburger Straße ans Tageslicht sprudeln soll, ist technisch kein Problem: Eine Leitung („Düker“) vom Gymnasium am Waldhof im Kanal der Lutter bringt das Wasser dorthin: Der durch Gefälle und Wassermenge entstehende Druck lässt die Lutter von selbst an die Oberfläche fließen. „Für die Zeit der Sanierung des Kanals bis Teutoburger Straße hätten wir dort eine Pumpstation installiert, bis der Düker in Betrieb ge- gangen wäre“, sagt Pro- Lutter-Vorstand Bruno Pe- ters. Ritschel möchte gemeinsam mit Pro Lutter in Kürze über den Stand der Dinge, die Ergebnisse der Prüfungen und mögliche Kosten öffentlich informieren. „Oberste Priorität muss sein, dass das Projekt nicht gefährdet wird.“


Stadtbildprägend: Die offene Lutter am Waldhof im Schatten der Sparrenburg ist beliebtes Ziel von Spaziergängern.

K O M M E N T A R

Die offene Lutter und ihr Kanal
Nackenschläge
VON FRANK BELL

Seit 2001 setzen sich engagierte Vereine und namhafte Bielefelder für die Freilegung der Lutter ein. Fünf Schulen arbeiten an zahlreichen Projekten zu dem Vorhaben. Seit 2006 ist der Abschnitt Teutoburger Straße bis Stauteich I im Gespräch. Immer wieder hieß es, der Lutterkanal sei mehr als 100 Jahre alt. Aber erst kurz vor dem Baubeginn des dritten Abschnitts stellt sich heraus: Der Kanal ist marode, muss für viel Geldsaniert werden. Die Hiobsbotschaft für den Verein pro Lutter und viele Spender ist allerdings, dass überlegt wird, den neuen Lutterkanal in den Grünzug zu verlegen, genau unter das künftige Bachbett. Da fragen sich nicht nur Laien, ob die Mitarbeiter der Fachabteilungen noch nie vom Lutterprojekt gehört haben und ob es nicht doch preiswerter ist, den alten Kanal in der Ravensberger Straße zu sanieren. Und was würde es kosten, wenn der alte Kanal abgerissen oder zugeschüttet werden muss, damit die Straße nicht irgendwann einsackt? Bei Pro Lutter ist man nervös geworden aber noch nicht panisch. Der Verein hat Erfahrung mit Nackenschlägen: CDU und BfB hätten das Gesamtprojekt im Juli 2003 beinahe zu Fall gebracht, als sie eine offene Lutter am Bach ablehnten. Darauf sah der Verein die Finanzierung in Gefahr und musste eine komplett neue Planungvorlegen. Inzwischen ist die offene Lutter aus Bielefeld nicht mehr wegzudenken, niemand will darauf verzichten, wie am ersten Bauabschnitt deutlich wird. „Geht nicht, gibt’s nicht“, sagte der Bielefelder Tonfilmerfinder Joseph Massolle. Das heißt: Baubeginn muss dieses Jahr sein. Die Lutter muss fließen.
frank. bell@ihr-kommentar.de


Neue Westfälische vom
04.05.2010
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