Das Wasser der Lutter ist gut: "Es hat Güteklasse zwei bis drei, riecht nicht mehr, und deshalb soll es wieder an die Oberfläche", meint Michael Blaschke.
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Ein neues Bett für die Lutter

Ein neues Bett für die Lutter Bielefelds Stadtgewässer soll vom Nebelswall bis zur Walkenmühle offen fließen

VON FRANK BELL
Bielefeld. Wer wie die Bielefelder in über 100 Metern über dem Meeresspiegel auf dem Trockenen sitzt, der sehnt sich nach Wasser. Mit Bächen und Flüssen ist die Stadt von der Natur nicht gerade reichlich beschenkt. Schon ein Blick nach Paderborn, der Stadt der 1.000 Quellen, genügt: Fließendes Wasser ist attraktiv, lädt ein zum Verweilen in Parks und Biergärten, setzt stadtgestalterische Akzente. Auch in Bielefeld ist mehr Lebensqualität möglich: "Holt die Lutter nach oben", sagt Michael Blaschke, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins pro grün.

Keine neue Idee, doch das Vorhaben ist bislang an den hohen Kosten gescheitert. Die 200 Meter vom Cafe Rodin am Nebelswall vorbei am Gymnasium Waldhof bis zur Straße am Bach sollten vier Millionen Mark kosten. Wegen der ungünstigen Lage käme die Lutter gar nicht voll zur Geltung. Pro grün hat die Initiative ergriffen und macht nun einen ganz neuen Vorschlag.
Der Verein möchte die ganze Lutter vom Nebelswall bis zum Stauteich eins frei legen. Wobei Freilegen nicht ganz der richtige Begriff ist: "Wir wollen die Lutter an die Oberfläche holen, den Kanal aber erhalten", sagt Martin
Enderle. Ohne Beeinträchtigung der Straßenfunktionen.

Initiative ergriffen: Die "Lutteraner" Regine Schürer (gemeinnütziger Verein pro grün), Hans-Rudolf Holtkamp (Verkehrsverein und Pro Bielefeld), Dietmar Stratenwerth (progrün) und Martin Enderle (Gutachter, von links).
Der frühere Umweltdezernent hat zusammen mit einem Wasserwirtschaftler aus Minden das Vorhaben untersucht. "Das Gefalle ist groß genug, mit bis zu 150 Litern pro Sekunde fließt auch genug Wasser. Dabei kommt es auf die Breite des Flussbettes an", erläutert Enderle. Der Trick: Enderle will am Nebelswall, fast dem höchsten Punkt des Flusses, dessen Bett verzweigen in die obere Lutter an der Erdoberfläche und die untere Lutter im bestehenden Kanal. Überschüssiges Wasser bei Sturzregen fließt dann weiter den alten Weg. Für den neuen Flusslauf ergeben sich laut Enderle sehr geringe Kosten. Teilt man die 2,4 Kilometer in vier Abschnitte und auf fünf Jahre, kommen, so Enderle, lediglich Kosten "im mittleren sechsstelligen Bereich" auf den städtischen Haushalt zu. Voraussetzung sei aber eine Förderung des Landes. "Und die gibt es noch. Wir haben jetzt eine große Chance", sagt Blaschke. Vielleicht, so der pro-grün-Vorsitzende, käme Unterstützung der Bürger dazu. Und die melden sich schon: "Ich bin von der Intensität der Reaktionen überrascht, auch Geldangebote gibt es", erklärt Dietmar Stratenwerth, Ehrenvorsitzender von pro grün. Er dankt dem Unternehmer Dr. Jürgen Stockmeier, dessen finanzielle Unterstützung das Enderle-Gutachten ermöglicht habe.
Auch der Verkehrsverein (Vorsitzender Bernhard von Schubert) und der Verein Bielefelder Konsens Pro Bielefeld (Karsten Gebhardt) sind Bundesgenossen bei dem Projekt. Bei einer öffentlichen Information am Donnerstag, 21. Juni, ab 19 Uhr in der Kunsthalle wollen die "Lutteraner" weitere Interessenten mit ins Boot holen. "Wir brauchen starke Bündnispartner", sagt Verkehrsdirektor Hans-Rudolf Holtkamp. Und breite Zustimmung der Bürger.

Neu Westfälische vom 08.06.2001

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